Am 1. Mai feiern wir bei uns in Nordrhein-Westfalen den „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“. So hat es der Landtag Nordrhein-Westfalen am 6. Juni 1950 beschlossen. So kam es in die Landesverfassung. Und so gilt es bis heute.
Warum wird der Erste Mai in Nordrhein-Westfalen nicht einfach als „Tag der Arbeit“ begangen? Als „Kampftag der Arbeiterbewegung“ für faire Beschäftigungsverhältnisse, zu dem der Erste Mai ursprünglich wurde? „Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind [..]! Wir haben auch Arbeit […] und […] Sonne und Regen und Wind. Und uns fehlt nur […] Zeit“ – um das alles unter einen Hut zu bringen … . Mit diesen Versen hat Richard Dehmel im Jahr 1896 einen Reim auf den „Tag der Arbeit“ gefunden. Am 1. Mai 1890 wurde in deutschen Städten erstmals dafür demonstriert.
Wie also hängt Arbeit mit „Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“ zusammen?
Der Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning, der die christliche Soziallehre maßgeblich geprägt und der dazu auch im „Königswinterer Kreis“ mitgearbeitet hat, hat den „Doppelcharakter“ von Arbeit unterstrichen: Sie ist einerseits Last, so dass das Kalkül naheliegt, sie auf die „wehrlosesten Glieder der Gesellschaft“ abzuschieben. Andererseits aber ist Arbeit das Bedürfnis, „etwas zu leisten, das [...] unsere eigene Selbstachtung bestätigt; […] etwas Vernünftiges, Rechtschaffenes“.
Die Arbeit ist die Chance, Ideen in Wirklichkeit zu verwandeln und Ziele zu erreichen, die wir uns selbst setzen. Das aber können nur Menschen. Das Streben nach Zielen, das dem menschlichen Willen folgt, ist für Oswald von Nell-Breuning der entscheidende Unterschied: im Vergleich mit „allem anderen, worauf wir die Bezeichnung Arbeit anwenden“. Die „Zielgerichtetheit“ verleiht der Arbeit von Menschen die – „Menschenwürde“.
In „Berlin Alexanderplatz“, dem deutschen „Großstadtroman“, erzählt Alfred Döblin von der fehlenden Arbeit und von den fehlenden Perspektiven in den 1920-er Jahren. Seine Hauptfigur, Franz Biberkopf, droht in dem Durcheinander der Weimarer Republik ganz unterzugehen. Immer kleiner wird seine Chance, selbst etwas zu schaffen. Er wird ein Opfer der anonymen „Verhältnisse“. Von der „Menschenwürde“ ist nicht mehr viel zu sehen: Jetzt geht es „dem Menschen wie dem Vieh“ – ziellos, ohne Zukunft.
Menschliche Arbeit dient der Verwirklichung des Menschseins. Nach dem christlichen Verständnis ist sie die Verpflichtung, für sich und für die anderen Sorge zu tragen. Zugleich aber ist die Arbeit eine „Quelle von Rechten“ für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die einen wahren Wert schaffen und die einen gerechten Lohn verdienen. Die Achtung dieser Rechte und des größeren Gefüges der Menschenrechte „stellt die Grundbedingung für den Frieden in der Welt“ dar (Papst Johannes Paul II.).
Die Feier des Ersten Mai fällt in diesem Jahr 2026 in eine Zeit, in der die Zahl derer, die beruflich keine Arbeit haben, leider größer wird, auch an vielen Orten bei uns im Rhein-Sieg-Kreis. Das ist wirtschaftlich und seelisch oft ein großes Unglück. Ganz besonders ordnungspolitisch müssen wir entschieden dafür handeln, solches Schicksal umzukehren: im Blick auf einen Staat, der immer mehr zum Adressaten von Begehrlichkeiten geworden ist – und dessen Staatsquote vorrückt auf 50 Prozent des Bruttoinlandproduktes.
Und inmitten unserer Gesellschaft, in der die Interessen auseinandergehen: Die Forderung einer Gewerkschaft, die wöchentliche Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich von 39 auf 37 Stunden zu reduzieren, haben viele von uns durch die Streiks zu spüren bekommen. Fast gleichzeitig hat die Bundesregierung die Wachstumsprognosen auf 0,5 Prozent halbiert. In den Medien entbrennen Diskussionen darüber, was eine Verknappung von Kerosin für den kommenden Sommerurlaub bedeutet, vor dem Hintergrund des täglichen Todes im Nahen Osten … . In der isolierten Betrachtung passt das in der Mitte der Gesellschaft offen ersichtlich nicht zusammen.
Am 1. Mai feiern wir in Nordrhein-Westfalen den „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“. Damit ist mehr ausgedrückt als allein mit: „Tag der Arbeit“. Und es steht mehr auf dem Spiel, als es ein „Kampftag der Arbeiterbewegung“ am Ende erreichen könnte – und mutmaßlich wollen würde. Äußerst beziehungsreich geht es mit den Zielen, die wir nach dem eigenen Willen verabreden, um die Selbstbestimmung in Freiheit und Freundschaft. Was tun wir dafür? Welches Glück hängt daran? Wieviel davon wollen wir einmal weitergeben?
Mit diesen Gedanken, die von vielen Seiten aus zu vervollständigen sind, verbinde ich meine guten Wünsche zum jetzigen Mai-Wochenende sehr gerne. Denn ihr Ausgangspunkt ist die lebendige Perspektive, dass die Schöpfung zu etwas da ist und dass von uns etwas gewollt ist. Von der Verwirklichung erleben wir gerade jetzt so viele tolle und bunte Eindrücke: in den Gärten, auf unseren Feldern oder beim Spaziergang im Wald.

Empfehlen Sie uns!