„Hunger“, ist das letzte Wort, das uns von Hermann Josef Geisel geblieben ist. Im Sommer 1943 wird der Metzger aus der Rheinbacher Hauptstraße „im polnisch-russischen Gebiet“ noch einmal gesehen. Er trägt ein gestreiftes Hemd. Dann ist er „einfach nicht mehr da“.
„Hine Ma Tov“ … . Eindringlich ist die Stimme von Fiona Müdder, die im Foyer des Rheinbacher Rathauses von der Schönheit des Friedens singt, das „Hallelujah für einen hellen Tag“. Es ist ein jüdisches Lied. Edgar Kriwankow spielt die Gitarre dazu. Am 27. Januar 2026 hat die Stadt Rheinbach aller Mitmenschen gedacht, die im Rassenwahn des nationalsozialistischen Deutschlands umgebracht wurden.
Schülerinnen und Schüler des Städtischen Gymnasiums stellen ein Gedicht in die Stille des Raums, das der jüdische Dichter Pavel Friedmann zurückgelassen hat. Darin hebt sich der Schmetterling „ganz leicht nach oben“. Niemand kann sein „tiefes, tiefes Gelb“ vergessen. Die Farben des Lebens. Einen „zweiten Schmetterling“ sieht Pavel Friedmann nicht mehr. Für ihn war der erste der „letzte seiner Art“. Am 29. September 1944 wird der 23-Jährige aus Prag deportiert in das – Konzentrationslager Auschwitz.
Die öffentliche Gedenkstunde in Rheinbach findet in jedem Jahr im Rahmen des bundesweiten Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus statt: am 27. Januar, dem Kalendertag, an dem russische Soldaten im Jahr 1945 den Vernichtungskomplex Auschwitz-Birkenau befreit haben. Gemeinsam mit Bürgermeister Dr. Daniel Phiesel und mit der Stadt Rheinbach hatte wiederum der Landtagsabgeordnete Oliver Krauß dazu eingeladen, vor Ort innezuhalten im Gedenken an die Opfer.
Sie sprachen den Dialekt der Hemat
Heute erinnert an den Metzger Herman Josef Geisel ein „Stolperstein“ vor dem Haus in der Hauptstraße 44. Für seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg hatte der „Jupp“, wie er von den Nachbarn freundschaftlich gerufen wurde, das „Eiserne Kreuz“ getragen. Er hatte in Rheinbach den Turnverein mitgegründet. Er war Mitglied der Feuerwehr. Im Juli 1942 wird Hermann Josef Geisel nach Minsk deportiert. Und mit ihm seine Geschwister. Max, Regina und Selma Geisel werden am 21. Juli 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinec umgebracht. Hermann Josef Geisel muss noch Zwangsarbeit verrichten. „Hunger.“ Dann kommt kein Wort mehr an von … Herman Josef Geisel.
Mehr als 1,1 Millionen Menschen wurden in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur alleine in Auschwitz getötet, vergast und verbrannt. Insgesamt sind rund sechs Millionen Menschen der Shoah ausgeliefert worden, dem Vernichtungswerk der Nationalsozialisten und ihrer ungezählten Helferinnen und Helfer in Deutschland.
Im Stadtgebiet sind heute 36 „Stolpersteine“ das sichtbare Zeugnis für die ehemaligen jüdischen Nachbarn in Rheinbach – und dafür, was ihnen angetan wurde. „Sie sprachen den Dialekt der Heimat. Sie waren in den Vereinen dabei. Sie haben die Schulen in Rheinbach besucht“, macht Oliver Krauß das einstmalige Miteinander deutlich: „Bis in das Jahr 1935 war Otto Wolf am Städtischen Gymnasium der letzte jüdische Schüler. Im Juli 1942 wird auch er deportiert. Otto Wolf stirbt im Alter von 21 Jahren. Er kam aus der Polligstraße.“
Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule zünden im Foyer des Rheinbacher Rathauses Kerzen für die einzelnen Ermordeten an. Sie stellen sie in einem Stern zusammen. Nie mehr haben auch die bei uns Entrechteten einen „zweiten Schmetterling“ erleben dürfen. Wie Pavel Friedmann: keine Welt der Farben, der Schönheit und der Menschlichkeit.

In der Rheinbacher Haftanstalt haben die Vollstrecker des Nationalsozialismus nach sogenannten „erbbiologisch unerwünschten Ballastexistenzen“ gefahndet. „Wir denken ebenfalls an die, die sterben mussten, weil sie eine Behinderung hatten.“ Im Innenhof des Rathauses legen Bürgermeister Dr. Daniel Phiesel und Oliver Krauß einen Blumenschmuck nieder. „Es wurden die Sinti und Roma in den Tod getrieben, die Andersdenkenden, die Homosexuellen. Wir denken an die drei jungen ukrainischen Zwangsarbeiter, die am 26. Januar 1945 im Rheinbacher Stadtpark erhängt werden in blanker Willkür: Peter Spaak. Wladislaw Talzschaview. Wladislaw Dedjarew. Wir denken an alle Opfer des Gewaltverbrechens.“
Erinnerung darf die heutigen Erfahrungen nicht außer Acht lassen
Die katholisch geprägte Kleinstadt Rheinbach war am Anfang der 1930-er Jahre kein besonders „geeignetes Plaster“ für die Nationalsozialisten. Das hat die geschichtliche Forschung mit großem Aufwand nachgewiesen. Trotzdem triumphiert der NS-Bürgermeister Joseph Wiertz, der aus Greuelsiefen an der Sieg kam, im März 1942: „Rheinbach ist wieder rassenrein geworden. Die […] Juden sind alle fort.“
Oliver Krauß: „Zeitlich dazwischen liegen Terror und Propaganda – mit dem Radio, das die Nationalsozialisten wie eine Waffe benutzen. Denken wir an die Desinformationen in unseren Tagen, an die Cyberangriffe, an die üblen Fälschungen mithilfe der Künstlichen Intelligenz.
Und: Wie begegnen wir den Extremisten im Hier und Jetzt? Margot Friedländer, die selbst die Shoah überlebt hat und im Mai 2025 leider verstorben ist, hat uns die Warnung hinterlassen, dass es so wie in diesen unseren Tagen damals auch angefangen hat. Wo sind unsere Grenzen, die keinesfalls überschritten werden dürfen, und zu wem gehört die Hand, in die wir ganz real – nicht mehr einschlagen können?“
„Es muss Wissen vermittelt werden!
Nicht nur irgendein Gefühl, dass man irgendwie dem Bösen widerstehen muss.“
(Wolfgang Benz)



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