Maßnahmen gegen gesellschaftliche Spaltung sind keine Luxusprodukte

29.10.2020

Stiftung Entwicklung und Frieden veranstaltet Bonn Symposium 2020

Kleiner als erhofft: Das „Bonn Symposium 2020“ der „Stiftung Entwicklung und Frieden“ (sef:) am kommenden Donnerstag und am kommenden Freitag, 5. und 6. November, wird durch die Vorsichtsmaßnahmen limitiert, die die Corona-Pandemie aufgibt. Trotzdem findet der zweitägige Dialog, der sich auf Erfahrungen aus der internationalen Partnerschaft und Zusammenarbeit stützt, statt. In diesem Jahr verfolgt das Symposium das Ziel, auf der lokalen Ebene – „vor Ort“ – Ansätze herauszuarbeiten, die helfen, das Ungleichgewicht zwischen gesellschaftlicher Stärke und gesellschaftlicher Schwäche zu mindern. Dabei geht es um Chancen sowohl im Inland als auch im globalen Bezug: beispielsweise mit Aspekten des Zusammenlebens in unseren Städten und Gemeinden – was etwa gegen faktische Diskriminierungen getan werden kann – oder mit dem Aspekt, wie innergesellschaftlichen Gegensätzen in Ländern des „Globalen Südens“ besser zu begegnen ist. Das vorgesehene Programm finden Sie hier: DateiBonn Symposium 2020 (355 KB)

Die „Stiftung Entwicklung und Frieden“, die im Jahr 1986 auf Initiative von Friedensnobelpreisträger Willy Brandt gegründet worden ist, wird heute von den vier Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Berlin und Sachsen getragen. Die Namensgebung der Stiftung betont die innere Beziehung von guter Entwicklung und Frieden. Dieser Beziehung gelten das Denken und die Initiative: für die Welt, die uns umgibt, gemeinsam Sorge zu tragen – und sich dazu zu verabreden. Benachbart ist in diesem Zusammenhang der weiter gefasste Begriff von „Global Governance“.

Die Gegenseitigkeit, von der die Aktion ausgeht, hat einen wesentlichen Bezugspunkt in dem Bewusstsein der ungeteilten Schöpfung. Sie zu bewahren, ist Menschheitsaufgabe. Die Corona-Pandemie, die an Grenzen nicht stoppt, zeigt das in dramatischen Momentaufnahmen. Die bloße Summe von Einzelinteressen –  darauf hat beispielhaft Papst Franziskus in seiner vor wenigen Tagen veröffentlichten Sozialenzyklika hingewiesen – ist nicht in der Lage, eine bessere Welt für die gesamte Menschheit zu schaffen. Sie kann uns auch nicht vor so vielen immer globaler auftretenden Übeln bewahren. Ganz auf sich allein gestellt, vermag in der Regel kein Mensch, das Leben gut zu meistern.

In einem „Spotlight“ will das „Bonn Symposium 2020“ – Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Entwicklung und Frieden ist unser Ministerpräsident Armin Laschet – Chancen aufgreifen, Ungleichheiten mit guter Idee und mit nachbarschaftlichem Entgegenkommen aufzuheben. Maßnahmen, um eine Entzweiung zu verhindern, sind nicht vor allem – und mutmaßlich nicht zuerst – auf „teures Geld“ angewiesen: Sie sind ihrer Natur nach nicht „Luxusprodukte“.

Als Vorstandsvorsitzender der sef: hätte ich mir gerade in diesen Tagen besonders gewünscht, zu dem „Bonn Symposium 2020“ in dem eigentlich vorgesehenen größeren Format einladen zu können. Denn das schlimme Pandemiegeschehen und die dadurch begründeten Maßnahmen, um die Infektionswelle bestmöglich beherrschbar zu machen, zeigen brutal, wie weit weg wir noch sind von unserem vertrauten Zusammenleben. Der Ergebnisauftrag des Symposiums, Entgegenkommen besser zu vereinbaren, Risse zu schließen, ist in der Tat „brandaktuell“.

Oft akuter noch gilt das für unsere Schwestergesellschaften in Europa. Und wiederum mehr wirkt die Pandemie in außereuropäischen Teilen der Welt, vor allen Dingen in Konfliktregionen, oft wie ein Brennglas. Schwächen in der internationalen Zusammenarbeit werden deutlich, hart erarbeitete Fortschritte stehen in Frage, humanitäre Katastrophen werden vervielfacht, Hilfen kommen nicht an. Andere Katastrophen drohen vergessen zu werden: die Sahel-Länder, Mali, Niger, Burkina Faso.

Wir haben bei uns in aller Not die berechtigte Hoffnung, die Krise mit ihren Verlusten und Schmerzen absehbar durchzustehen. In diesen Tagen aber wirft sie uns als harter Schlag ein zweites Mal dahin zurück, wo in einer freiheitlichen Ordnung politische und ökonomische Macht enden – wo wir aber als Einzelne Erfolg haben können, in mitmenschlicher Verantwortung. Einmal mehr wird der existenzielle Wert von Eigeninitiative und Solidarität offenkundig, wenn im Angesicht der Bedrohung Vor-Corona-Routinen scheitern, ohne dass eine öffentlich belastbare Behelfsbrücke schon gebaut werden konnte. Es kommt gerade dann auf jede und jeden einzeln an: in ihrer und in seiner jeweiligen Lebenssituation. Wo Vorsicht und Rücksicht persönlich verweigert werden und wo kein mitmenschliches Korrektiv einspringt, wird es ungleich schwerer, das Virus beherrschbar zu machen.

In der Hoheit von Eigenverantwortung und von solidarischem Handeln schlägt das Vertrauen Wurzeln, mit der Maskenpflicht weiterhin vorbildlich und in gegenseitiger Achtung umzugehen, auch wenn das oft nicht einfach ist. Und ebenso das Vertrauen, dass wir uns auf diesem Weg und in dieser Achtung helfen, Korridore offenzuhalten und Korridore von der Pandemie zurückzugewinnen. Keine Politik kann das ersatzweise verordnen oder erfolgreich übernehmen. In dieser neugeschöpften und von der Pandemie aufgedrängten Einsicht, dass es gerade keine „Luxusprodukte“ braucht, um gesellschaftliche Zerreißproben zu bestehen, liegt sicherlich auch eine große Chance, die in und nach diesen schweren Tagen hilft.